Wieviel Herdenschutzhund steckt im Hund?

Wie viel Herdenschutzhund steckt in meinem osteuropäischen Tierschutzhund?

Herdenschutzhunde sind gerade ein großes Thema in den sozialen Medien: Auf Instagram, in Facebook-Gruppen und in Foren wird besonders häufig den Kangal (einem türkischen Herdenschutzhund) gesprochen. Das ist grundsätzlich gut. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet, dass sich mehr Menschen mit diesem besonderen Hundetyp beschäftigen. Denn Herdenschutzhunde gibt es auch in Osteuropa. Während ihrer Wanderungen mit der Herde treffen sie immer wieder auf andere Hunde und ihre Gene mischen sich in die jeweilige Dorfpopulation.

Trotz des aktuellen Trends halten sich viele Missverständnisse hartnäckig. Ein besonderer Fallstrick: Hunde mit einem Herdenschutz-Anteil sehen als Welpen meist bezaubernd aus. Wuscheliges Fell, tapsige Bewegungen und Pfoten, die noch viel zu groß für den kleinen Körper wirken. Genau dieses süße Bild führt dazu, dass Menschen unterschätzen, was später aus dem Welpen wird. 

Seriöse Tierschutzorganisationen kennen dieses Muster. Sie klären ehrlich darüber auf, bevor ein Welpe vermittelt wird. Genau das möchte auch dieser Beitrag: dir zeigen, was hinter dem süßen Welpengesicht steckt, welches Erbe Tierschutzhunde aus dem Osten zum Teil mitbringen - und wo du bei Fragen weitere Unterstützung findest.

Owtscharka
(Kaukasus, Russland)

Tornjak
(Bosnien/Kroatien)

Kangal
(Türkei)

Kuvasz
(Polen)

Was ist ein Herdenschutzhund genau?

Ein Herdenschutzhund (kurz: HSH) ist ein Molosser. Das heißt: ein großer, schwerer und kräftiger Hundetyp. Rassen wie der Ciobănesc Românesc Carpatin oder der Kuvasz bringen ausgewachsen oft 40 bis 65 Kilogramm auf die Waage, bei einer Schulterhöhe von 65 bis 75 Zentimetern.

 

Ihre Aufgabe war über Jahrhunderte klar umrissen: die Herde bewachen. Nicht treiben, nicht lenken – sondern verteidigen. Gegen Wölfe, Bären und fremde Menschen. Dafür brauchte ein Herdenschutzhund kein enges Zusammenspiel mit dem Hirten. Er musste selbst entscheiden, wann eine Gefahr vorlag, und selbstständig handeln.

 

Das unterscheidet ihn grundlegend von Hütehunden wie dem Border Collie oder dem Deutschen Schäferhund. Hütehunde wurden darauf gezüchtet, eng mit dem Menschen zusammenzuarbeiten. Sie suchen Augenkontakt, warten auf Anweisungen und bewegen die Herde nach den Vorgaben des Hirten. Ihre Stärke ist die Kooperation. Die Stärke des Herdenschutzhundes ist die Eigenständigkeit.

 

Zwei Hunde, die auf den ersten Blick ähnlich aussehen können, bringen also völlig unterschiedliche Grundprogramme mit. Der eine wartet auf dein Signal. Der andere trifft seine eigene Entscheidung. Hier einige Beispielrassen - wenn du mehr über diesen Hundetyp erfahren möchtest, findest du Rasseportraits auf der Website des Schweizer Klub für süd- und osteuropäische Hirtenhunde.

Herdenschutzhund im Schnee
schwarz-weißer Hirtenhund
Herdenschutzhund liegt auf einer Wiese
großer weißer Hund

Vorsicht mit Rassenamen

Ein Grund sorgt für Verwirrung: Begriffe wie „Schäferhund“ oder „Hirtenhund“ werden für beide Hundetypen verwendet – für Hüte- und für Herdenschutzhunde.

 

Der Deutsche Schäferhund zum Beispiel ist trotz seines Namens ein Hütehund, kein Herdenschutzhund. Im Rumänischen wiederum heißt „Ciobănesc“ wörtlich übersetzt „Hirtenhund“ oder „Schäferhund“ – gemeint sind damit aber in aller Regel Herdenschutzhunde wie der Ciobănesc Românesc Carpatin oder Bucovinean, keine Hütehunde.

Wenn eine Tierschutzorganisation einen Hund also als „Schäferhund-Mix“ beschreibt, sagt das allein noch wenig über sein Verhalten aus. Es lohnt sich, genauer nachzufragen: Welche Rasse ist konkret gemeint? Und passt das eher zum Hüte- oder zum Wachhund-Typ? Diese Unterscheidung hilft dir zu entscheiden, ob der Hund zu deinem Leben passt.

 

Sitzt bereits ein osteuropäischer Tierschutzhund auf deinem Sofa und du ein Gentest hat einen größeren Anteil "Schäferhund" ergeben? Dann ist der Beitrag, wie du die Ergebnisse von DNA-Tests bei "Mischlingen" aus dem osteuropäischen Tierschutz interpretieren kannst, für dich interessant. 

Warum zeigt sich typisches Verhalten erst nach Monaten oder Jahren?

Viele Hundehaltende erleben dasselbe Muster: Der Hund zieht ein und zeigt lange keine Wachsamkeit. Dann, fast über Nacht, wird er zum aufmerksamen Beschützer des Grundstücks. Dafür gibt es zwei Gründe.

 

Erstens: Der Hund muss erst ankommen.

 

Direkt nach dem Transport aus dem Shelter oder von der Straße befindet sich ein Hund im Überlebensmodus. Die neue Umgebung fordert sein ganzes Nervensystem. Eine Studie zu importierten Tierschutzhunden zeigt: In den ersten Monaten nach der Vermittlung prägen Stress und ungewohnte Reize das Verhalten stark (Arhant et al., 2010).

Erst wenn der Stress nachlässt, wenn die Umgebung sicher erscheint und eine feste Bindung entsteht, verändert sich das Verhalten. Für einen Hund mit Herdenschutz-Erbe heißt das: Erst wenn ich mich sicher fühle, beginne ich, mein Zuhause zu sichern. Das ist kein Fehler. Es ist der Übergang von reinem Schutzverhalten hin zu aktivem Wachen (Duffy et al., 2008).

 

Zweitens: Der Hund braucht Zeit, um erwachsen zu werden.

 

Herdenschutzhunde reifen langsam. Viele kleine Rassen oder Hütehunde sind mit einem Jahr weitgehend erwachsen. Bei Herdenschutzhund-Mischlingen dauert diese Reifung oft bis zum dritten Lebensjahr (Coppinger & Coppinger, 2001).

Die Entwicklung verläuft in Stufen:

In der Pubertät, etwa vom 6. bis 14. Lebensmonat, zeigt der Hund erste Unsicherheiten. Er meldet vereinzelt Geräusche.

 

In der sozialen Reife, etwa vom 18. bis 36. Lebensmonat, festigen sich die tieferliegenden Verhaltensmuster. Dazu gehören das Verteidigen von Ressourcen, das Sichern des Territoriums und die genaue Beobachtung fremder Personen (Coppinger & Coppinger, 2001; Serpell & Duffy, 2014).

Wer diese Phasen kennt, wird von der späten Entwicklung nicht überrumpelt. Es handelt sich nicht um eine Wesensveränderung. Es ist das Ausreifen von Verhalten, das über Generationen für eigenständiges Arbeiten selektiert wurde (Parker et al., 2017).

Fortsetzung folgt

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