Mittelmeerkrankheiten bei Hunden aus Osteuropa: Der Ratgeber für Adoptanten
Die Adoption eines Hundes aus dem Auslandstierschutz beginnt fast immer mit Mitgefühl. Tausende Hunde aus Osteuropa finden jedes Jahr in Deutschland ein neues Zuhause. Wer gut vorbereitet ist, trifft die bessere Entscheidung – für sich und für den Hund. Zu dieser Vorbereitung gehört das Thema Mittelmeerkrankheiten.
Vorweg das Wichtigste: Diese Krankheiten sind kein Schreckgespenst. Sie sind eine medizinische Realität, die man kennen, einordnen und planen kann. Dieser Beitrag erklärt, welche Erreger relevant sind, warum ein einzelner Test trügerisch sein kann – und was die Diagnostik für dich als Halter konkret bedeutet.
Was sind Mittelmeerkrankheiten – und warum der Begriff für Osteuropa irreführend ist
„Mittelmeerkrankheiten" ist ein umgangssprachlicher Sammelbegriff für Infektionen, deren Erreger in wärmeren Regionen verbreitet sind. Übertragen werden sie über sogenannte Vektoren – blutsaugende Überträger wie Zecken und Stechmücken. Fachlich präziser ist deshalb die Bezeichnung vektorübertragene Krankheiten (englisch: Canine Vector-Borne Diseases, kurz CVBD).
Länder wie Rumänien, Bulgarien oder Ungarn liegen gar nicht am Mittelmeer. Trotzdem ist das Thema für den osteuropäischen Tierschutz hochrelevant – und der Begriff „Mittelmeerkrankheit" damit eigentlich missverständlich. Zwei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: die Ausbreitung der Überträger durch klimatische Veränderungen und der internationale Reiseverkehr von Hunden.
💡 Kurz gefasst
Mittelmeerkrankheiten heißen umgangssprachlich so, treten aber auch in Osteuropa auf. Überträger sind Zecken und Mücken. Die Erreger wandern mit dem Klima und mit den Hunden - deshalb spricht man heute auch schon von Reisekrankheiten.

Bild: Auwaldzecke
Welche Krankheiten in Osteuropa vorkommen
Die Anzeichen dieser Krankheiten sehen sich oft sehr ähnlich. Welche Krankheit dahintersteckt, lässt sich deshalb meist nur mit einer Blutuntersuchung im Labor klären. Dazu kommt eine zweite Schwierigkeit: Die Beschwerden zeigen sich manchmal erst Monate oder sogar Jahre nach der Ansteckung.
Die folgenden Krankheiten sind die wichtigsten.
Leishmaniose
Sie gehört zu den schwersten dieser Krankheiten, und ihr Verlauf ist kaum vorherzusagen. Die Erreger heißen Leishmanien und werden von der Sandmücke übertragen. Die Erreger schädigen innere Organe, vor allem die Nieren. Typische Anzeichen sind schuppige Haut, Haarausfall rund um die Augen, anhaltende Müdigkeit, geschwollene Lymphknoten, Nasenbluten und zu lange Krallen. Heilen lässt sich die Leishmaniose nicht. In vielen Fällen kann man sie aber ein Leben lang gut behandeln.
Ehrlichiose
Diese Krankheit wird von Bakterien ausgelöst und von Zecken übertragen. Sie kann schnell und heftig verlaufen oder sich langsam über Monate entwickeln. Anzeichen sind hohes Fieber, Müdigkeit, fehlender Appetit und geschwollene Lymphknoten. Typisch ist außerdem, dass der Hund leichter blutet als sonst, weil ihm Blutplättchen fehlen. Auch Lahmheit kann auftreten.
Anaplasmose
Hier lohnt sich ein genauer Blick, denn es gibt zwei verschiedene Erreger. Nur einer davon ist eine echte „Reisekrankheit":
- Anaplasma phagocytophilum wird vom Gemeinen Holzbock übertragen, einer Zecke, die bei uns heimisch ist. Diese Form bringt der Hund also nicht aus dem Ausland mit, sondern fängt sie auch in Deutschland.
- Anaplasma platys wird von der Braunen Hundezecke übertragen und kommt vor allem im Mittelmeerraum vor. Diese Form ist die, die für Hunde aus dem Ausland wichtig ist.
Die Anzeichen sind bei beiden ähnlich: Fieber, Müdigkeit, Schwäche, geschwollene Lymphknoten und manchmal kleine Einblutungen in der Haut.
Babesiose
Bei der Babesiose zerstören die Erreger die roten Blutkörperchen. Dadurch entsteht eine Blutarmut, die schnell schlimmer wird und lebensgefährlich werden kann. Anzeichen sind hohes Fieber, blasse Schleimhäute, Müdigkeit und dunkel gefärbter Urin. Manchmal hört man den Begriff „Hundemalaria" – fachlich ist er falsch, deshalb sollte man ihn besser nicht verwenden.
Wichtig und oft übersehen: Die Babesiose kommt nicht mehr nur aus dem Ausland. Die Auwaldzecke, die sie überträgt, breitet sich in Deutschland aus. Das Thema betrifft also nicht nur Hunde aus dem Ausland, sondern jeden Hund, der Zecken bekommt.
Dirofilariose (Herzwurm)
Der Herzwurm ist eine stille Gefahr. Durch einen Mückenstich gelangen winzige Larven in den Körper des Hundes. Sie wandern bis zum Herzen und zu den Lungengefäßen und wachsen dort zu langen Würmern heran. Diese stören die Arbeit des Herzens. Anzeichen sind anhaltender Husten, Atemnot und Gewichtsverlust. Im schlimmsten Fall stirbt der Hund plötzlich. Nach der Ansteckung dauert es sechs Monate oder länger, bis man den Herzwurm überhaupt nachweisen kann.
💡 Kurz gefasst
Sechs Erreger sind in Osteuropa relevant. Die Symptome ähneln sich und treten oft erst später auf. Nur eine Blutuntersuchung im Labor schafft Klarheit. Babesiose gibt es inzwischen auch bei uns.
Das diagnostische Fenster: Warum ein Test nicht reicht
Das ist der wichtigste Abschnitt für jeden Adoptanten – und der Punkt, an dem viele Hunde durchs Raster fallen.
Warum ein negativer Test trügerisch sein kann
Nach einer Infektion braucht das Immunsystem Zeit, bis es messbare Antikörper gegen den Erreger gebildet hat. Diesen Zeitraum nennt man das diagnostische Fenster. Wird ein Hund zu früh getestet – etwa direkt nach der Ausreise –, kann das Ergebnis negativ ausfallen, obwohl eine Infektion vorliegt. Ein einzelner, früher Test schafft also eine trügerische Sicherheit.
Die empfohlene Zwei-Test-Strategie
Erster Test nach Ankunft: serologische Untersuchung auf Antikörper plus direkter Erregernachweis (PCR) für die Krankheiten, die sich am schnellsten zeigen.
Zweiter Test, 4 bis 6 Monate später: die zwingend erforderliche Nachkontrolle, insbesondere für Leishmaniose und Dirofilariose. Erst sie schließt eine Spätinfektion verlässlich aus, weil dann das diagnostische Fenster geschlossen ist.
Was danach kommt: die langfristige Verantwortung
Eine chronische Erkrankung wie die Leishmaniose verursacht wiederkehrende Kosten für Medikamente und regelmäßige Laborkontrollen. Während eine früh erkannte Babesiose oder Ehrlichiose oft gut heilbar ist, brauchen chronische Verläufe eine dauerhafte Überwachung, um schwere Organschäden – vor allem an den Nieren – zu verhindern. Seriöse Tierschutzorganisationen legen ihre Teststrategie offen und klären transparent darüber auf.
💡 Kurz gefasst
Ein Test reicht nicht. Teste direkt nach Ankunft und noch einmal nach vier bis sechs Monaten. Erst der zweite Test gibt Sicherheit bei Leishmaniose und Herzwurm.
Häufige Fragen
Sind Mittelmeerkrankheiten heilbar?
Das hängt vom Erreger ab. Babesiose und Ehrlichiose sind bei früher Erkennung oft gut behandelbar. Die Leishmaniose ist nicht heilbar, lässt sich aber häufig lebenslang gut kontrollieren.
Kann ich mich selbst anstecken?
Einige Erreger sind grundsätzlich auf den Menschen übertragbar, eine direkte Übertragung vom Hund auf den Menschen ist im Alltag jedoch sehr unwahrscheinlich. Entscheidend ist das Vorhandensein des jeweiligen Überträgers. Sprich im Zweifel mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt.
Wann sollte ein Auslandshund getestet werden?
Idealerweise zweimal: einmal kurz nach der Ankunft und ein zweites Mal vier bis sechs Monate später. Der zweite Test ist der wichtigere.
Bedeutet ein positiver Test, dass mein Hund krank ist?
Nein. Ein positiver Antikörpertest zeigt Kontakt mit dem Erreger an, nicht zwangsläufig eine aktive Erkrankung. Die Einordnung gehört in tierärztliche Hände.
Mittelmeerkrankheiten bei Hunden aus Osteuropa erfordern verantwortungsvolles Handeln, keine Panik. Die medizinische Begleitung beginnt bereits im Herkunftsland und sollte nach der Ankunft konsequent fortgeführt werden. Wer die empfohlene Teststrategie einhält, kann mit den Ergebnissen eine gute Entscheidung treffen – und seinem Hund ein möglichst beschwerdefreies Leben ermöglichen.
Quelle:
Deplazes, P. et al. (2020). Deutsche Adaptation der ESCCAP-Empfehlung Nr. 5: Bekämpfung von durch Vektoren übertragenen Krankheiten bei Hunden und Katzen. ESCCAP Deutschland. Ergänzend: ESCCAP Deutschland, Informationen zu Babesiose, Anaplasmose und Hepatozoonose (abgerufen 28.05.2026).