Gentest: Was sagt er wirklich aus?

Lucys Herkunft: Was verraten Gen-Tests über osteuropäische Tierschutzhunde? 

Kurz gefasst und leicht verständlich

 

Bei Hunden aus Osteuropa zeigen DNA-Tests oft irreführende Ergebnisse. Das hat mehrere Gründe.

 

Die Datenbank der Labore: Die Test-Programme vergleichen die DNA mit bekannten Hunderassen. Viele Tierschutzhunde gehören aber zu keiner modernen Rasse. Sie stammen von jahrhundertealten, freien Hunde-Gemeinschaften ab (Village Dogs).

 

Der Algorithmus: Wenn das Programm DNA-Abschnitte in der Datenbank nicht findet, sucht es nach einer Not-Lösung. Dann zeigt der Test plötzlich seltene Rassen an, die gar nicht zu deinem Hund passen.

 

Die Ergebnis-Ausgabe: Ergibt der Test einen hohen Wert bei „Multi-Rasse“, bedeutet das meistens: Die DNA passt zu keiner bekannten Rasse. Bei einem Hund aus dem Auslandstierschutz ist das ein Zeichen, dass er ein Original der Natur ist. 

In Social-Media-Gruppen mit Bezug zu osteuropäischen Tierschutzhunden posten Adoptanten regelmäßig Testergebnisse der DNA-Analyse ihrer Vierbeiner. Sie freuen sich, dass sie ihren Hund nun besser verstehen.

Klassischerweise sieht das Ergebnis wie ein bunter Flickenteppich aus: Der Test nennt meistens ein oder zwei bekannte Schäferhund-Rassen und eine Liste mit seltenen Rassen im ein- oder zweistelligen Prozentbereich. So auch bei Lucy. 

Das Rätsel um Lucys Herkunft

Lucy kommt aus dem Nordosten Rumäniens. Das Test-Ergebnis war bemerkenswert: 

 

31,6 % Deutscher Schäferhund

14,7 % Weißer Schweizer Schäferhund

14 % Dalmatiner

8,6 % Chinook

8.1 % Portugiesischer Wasserhund 

8 % Pastor von Picardien

7,7 % Cocker Spaniel

7,3 % Irischer Terrier

 

Der Chinook ist eine sehr seltene Schlitten-Hund-Rasse aus Nord-Amerika. Es ist schwer vorstellbar, dass ein solcher Schlittenhund einer von Lucys Vorfahren war. Das gilt auch für den Weißen Schweizer Schäferhund und den Portugisischen Wasserhund.

Blick hinter die Kulissen: Warum der Computer „rät“

Ich habe beim Labor nachgefragt. Die Antwort zeigt das Hauptproblem von Gen-Tests, wenn sie DNA von Tierschutzhunden aus Osteuropa analysieren. Das Computer-Programm vergleicht die DNA des Hundes mit einer Datenbank. In dieser Datenbank sind Gensequenzen von bekannten Hunderassen gespeichert. 

 

Bei Lucys Test gab es besondere Probleme: Die Rasseliste auf der Website des Anbieters enthält den „Eastern Europe Village Dog“. Das Labor hatte diese Gruppe jedoch vorübergehend aus der Datenbank genommen, um sie auf Fehler zu überprüfen. Wenn die passende Gruppe fehlt, sucht das Programm nach der nächstbesten Not-Lösung. Es wählt dann die Rassen aus, die der DNA am ähnlichsten sind. 

Warum Ähnlichkeit nicht gleich Abstammung ist

Nach Auskunft von Koko-Genetics kann der Algorithmus nicht zwischen Rasse-Vorfahren und gleichen Herkunftslinien unterscheiden. 

 

In Lucys Fall bedeutet das: Die aufgelisteten Schäferhund-Anteile zeigen nicht, dass ein Großelternteil ein Schäferhund war. Es bedeutet: Beide Linien – Lucys Ahnen und die genannten Schäferhund-Rassen – tragen sehr altes Erbgut von europäischen Hirtenhunden in sich. Das Programm sieht diese alte Verwandtschaft und nennt es fälschlicherweise „Schäferhund“, weil es keine bessere Alternative hat. Die geringen Anteile seltener Rassen wie dem Chinook sind ebenfalls erzwungene Zuordnungen. 

Das neue Programm und die alte Logik der Labore

Das Labor hat Lucys Test auf meinen Wunsch wiederholt, nachdem der „Eastern Europe Village Dog“ wieder ins Panel aufgenommen und ein Update des Algorithmus verwendet wurde. Das Ergebnis fiel folgendermaßen aus:

 

54,8 % Multi-Rasse

13,1 % Deutscher Schäferhund

6,2 % Weißer Schweizer Schäferhund

5,9 % Dalmatiner

3,4 % Portugiesischer Wasserhund

3,3 % English Cocker Spaniel

3,6 % Chinook

2,9 % Zwegpinscher

2,5 % Boxer

2,3 % Spitz

2 % West Highland Terrier

 

Der zweite Durchlauf lieferte andere Ergebnisse: Die Rasse-Prozente sind teilweise stark gesunken. Dafür gibt es eine neue, sehr große Gruppe:  54,8 % Multi-Rasse Warum heißt diese Schublade eigentlich so? 

 

Hinter dieser Benennung steckt die ursprüngliche Logik der Gen-Tests. Wie ich meinem Buch und in diesem Blogbeitrag beschreibe, kennen Labore traditionell nur zwei Welten: Entweder ein Hund ist ein Rassehund oder er ist ein Mischling.

Die Denkweise des Computers folgt bis heute dieser alten Logik: Alle DNA-Segmente, die zu keiner bekannten Rasse passen, müssen von einem Mischling stammen. Weil das Programm bei Lucy für 54,8 % ihrer DNA keine passende Rasse in der Datenbank fand, warf es diese Abschnitte einfach in den großen Topf namens „Multi-Rasse“. Das Labor nutzt diesen Begriff also als Verlegenheits-Namen für alles, was es nicht einordnen kann.

Woher wissen wir, dass Lucy ein Village Dog ist?

Man könnte fragen: Woher stammt die Sicherheit, dass Lucy überhaupt ein solcher Village-Dog ist? Es gibt dafür drei starke Hinweise: 

 

Die Herkunft: Lucy stammt aus Nordost-Rumänien. Dort leben Hunde seit Jahrhunderten frei und vermehren sich ohne menschlichen Eingriff. 

 

Die Biologie: In diesen Regionen gibt es kaum Rasse-Hunde, die frei herumlaufen. Die Hunde dort bilden eine eigene Gemeinschaft.

 

Das Testergebnis selbst: Das Labor Koko Genetics schreibt in seiner Erklärung selbst, dass Lucys Aussehen in Kombination mit ihrer Herkunft genau zu einem Eastern European Village Dog passt. Und auch der Wert von 54,8 % Multi-Rasse zeigt: Mehr als die Hälfte ihrer DNA passt zu keiner einzigen modernen Rasse. Wenn ein Hund zu keiner bekannten Rasse passt, aber aus einer alten, freien Hunde-Gemeinschaft stammt, dann ist er biologisch gesehen sehr wahrscheinlich ein Village Dog. 

Neue Algorithmen bei Gen-Tests: Wirklich eine Lösung?

Die Labore merken selbst, dass die alten Tests für viele Hunde aus dem Auslandstierschutz nicht gut funktionieren. Bisher war das kein Problem, denn ihre Kunden sind überwiegend Züchter, die die Reinrassigkeit ihrer Deckrüden und Zuchhündinnen sowie deren Nachwuchs nachweisen wollen. 

 

Inzwischen nimmt die Zahl der Menschen zu, die Hunde aus dem Auslandstierschutz auf deren Rasse testen lassen. Die Anbieter reagieren darauf und nehmen Village Dogs in ihre Rasselisten auf. Das ist ein umfangreiches und teures Unterfangen. Denn aus den Genen eines Villag Dogs herauszulesen, ob er aus Rumänien oder dem Balkan stammt ist sehr schwierig.

 

Ich wollte wissen, warum Lucy kein Anteil eines Eastern Europe Village Dogs zugeordnet werden konnte. Die Antwort der Genetiker lautete: Die Daten für diese Kategorie stammen von weniger als 20 Hunden aus Russland. Rumänische Village Dogs tragen eine andere genetische Signatur. Deshalb spricht es nicht gegen Lucys Village Dog – Erbe, dass hier das Programm keine Ähnlichkeit gefunden hat. 

Fazit für die Praxis

Aus den Ergebnissen eines DNA-Tests kannst du den Stammbaum deines osteuropäischen Tierschutzhundes nicht ableiten. Das wird wohl noch einige Zeit so bleiben, eben weil es so viele Village Dogs gibt.  

 

Wenn du also das Wort „Multi-Rasse“ auf einem Testergebnis siehst, weißt du, dasärgern Sie sich nicht. Bei einem osteuropäischen Dorf-Hund ist das kein Qualitäts-Mangel des Tests. Es ist das biologisch präziseste Ergebnis. Es beweist, dass Ihr Hund ein echtes Original der Natur ist – älter und eigenständiger als jeder Rasse-Katalog.

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